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WWW Hyperfiction Liste

Textkorpus und Kriterien

Zu Beginn meiner Arbeit gab es keinen brauchbaren Korpus deutschsprachiger Hyperfiktionen. Um eine akzeptable Ausgangslage für eine literaturwissenschaftliche Untersuchung dieses jungen Phänomens zu schaffen, musste die erste Aufgabe lauten, Hyperfiktionen und Hypertexte mit literarischem Anspruch im Internet und allenfalls auf mobilen Datenträgern zu sichten und sie in einer kommentierten bibliographischen Liste zusammenzustellen.

Die so entstandene Liste von deutschsprachigen Hyperfiktionen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn die Texte, die im Netz zu sichten wären, haben seit Beginn dieser Arbeit (Anfang 1996) fast exponentiell zugenommen. Die entstandene Liste sowie die dazugehörigen Nebenlisten wurden aber während einer Zeit von zwei Jahren laufend aktualisiert und die inaktiv gewordenen Hyperlinks wieder neu zusammengesucht.

Es sei noch erwähnt, dass einige Listen englischer Hyperfiktionen schon existierten, bevor diese Liste deutschsprachiger Texte begonnen wurde. Die selektive und gute ‘Web Hyperfiction Reading List’ von Carolyn Guyer und die sehr umfangreiche Referenzliste ‘Hyperizons’ von Michael Shumate, die ihrerseits auf einer älteren Liste ‘The search for some hypertext fiction’ von Prentiss Riddle aufbaut, dienten denn auch als Anregung beim Zusammenstellen und Beschreiben der Texte in deutscher Sprache. Der Aufbau der Listeneinträge musste allerdings mit grösserer Sorgfalt an die Hand genommen werden, sollte er denn wissenschaftlichen Zwecken dienlich sein.



Zu den Listen

Es war das Ziel, eine möglichst gute und kommentierte Auswahl von literarischen Texten präsentieren zu können, die eine qualitative Analyse ermöglichen. Konventionelle (lineare) Texte, die in elektronischem Format daherkommen, finden keine Aufnahme. Ich habe die ‘WWW Hyperfiction Liste’ von Sommer 1996 an als Arbeitsmittel verwendet, um in einen Bereich vorzustossen, der noch keine wirklichen Regeln kennt und dessen Werkzeuge zur Analyse ebenfalls noch nicht genauer umrissen sind. Im September 1996 machte ich die Liste erstmals öffentlich im World Wide Web zugänglich.

Meine Absicht war es, sobald als möglich Kriterien auszuformulieren, welche die Aufnahme der Texte in die Liste regeln sollten. Seither habe ich zwei Listen mit Hypertexten geführt: eine Liste von Hyperfiktionen und eine ergänzende Liste mit elektronischen Texten, die vorwiegend lineare Strukturen aufweisen oder sich eher dem Bereich der visuellen Kunst zueignen. Ergänzt wurden diese beiden durch eine dritte Liste, die Verweis und Kurzbeschrieb zu den weltweit interessantesten Archiven und Listen online zum Thema Hyperfiktion liefert. Das Feedback aus der ‘Hyperfiction-Gemeinde’ war durchwegs positiv, wobei in den zweieinhalb Jahren viele Hinweise auf weitere Texte, jedoch wenig bis gar keine kritischen Anmerkungen hereinkamen, die neue Anstösse hätten liefern können.

Mit Datum vom 20. Juli 1997 habe ich die revidierten Listen in eine einheitliche Website integriert, welche die Gestalt eines Hängeregisters angenommen hat, aus dem die einzelnen Listendateien gezogen werden können. Eine neue Autorenliste hilft nun, die Liste nach Autorinnen und Autoren zu sichten. Wie bei den beiden Hypertext-Listen gilt auch bei ihr das Prinzip, dass die Texte der Autorinnen und Autoren mit einem Mausklick erreichbar sein müssen.



Kriterien zur Aufnahme in die Liste

Hyperfiktionen, die in dieser Liste Aufnahme finden, sollten einmal elektronisch gespeicherte Texte sein, die sich des Instruments des Hypertexts bedienen. Literarische Manuskripte, die elektronisch auf einem Speichermedium festgehalten oder im World Wide Web plaziert sind, sich aber nicht des Hypertextprinzips bedienen, können für sich nicht die Bezeichnung Hyperfiktion reklamieren.


Typologie: Baum oder Rhizom

Die weiteren Kriterien auf einer strukturellen Ebene richten sich ganz nach einer anderswo ausgeführten, aber allgemein bekannten Typologie. Der Bauplan einer Hypertext Fiktion sollte nicht dem Muster einer Linie oder einer Achse (Fussnoten) entsprechen, sondern dem Muster eines Baumes oder eines Rhizoms (Netzwerks).


Verknüpfte Hypertextelemente

Hypertext Fiktionen mit der Strukturtypologie eines Baumes oder eines Rhizoms sollten aus verschiedenen Hypertextelementen bestehen, die narrativ, assoziativ und linktechnisch miteinander verknüpft sind.


Performatives Lesen

Der Text soll ein performatives Lesen zulassen. Als Leser oder Leserin finden wir uns im Text in einer typischen Erzählsituation wieder. Die Geschichte, in die wir hineingeraten, ist multipel angelegt, sie verlangt von uns eine gewisse (Mit)Arbeit, die über das Umblättern von Buchseiten und das Interpretieren von Handlungen hinausgeht. Wenn sie auch nicht wirklich interaktiv ist, so verlangt sie zumindest, dass wir folgenreiche Entscheidungen für den Fortlauf der Geschichte fällen.


Topografie vor Chronologie

Ein weiteres Charakteristikum von Hyperfiktionen ist die Priorität der Topografie vor der Chronologie. Die zeitlichen Ebenen einer traditionellen Erzählung werden als hauptsächliches Strukturierungsprinzip durch räumliche Ebenen abgelöst. Innerhalb des vorhandenen gesamten Netzraumes müssen der virtuelle und der fiktive Raum für eine Hyperfiktion aber zuerst konstruiert werden.


Navigierbarkeit

Das einzigartige an den erzeugten virtuellen Räumen im Vergleich zu linearen Büchern und Filmen ist vor allem ihre Navigierbarkeit. Die Leserin hat die Möglichkeit, sich beispielsweise in einem virtuellen Hotel zu bewegen, sie kann sich durchs Gebäude vortasten, sich in einem Salon mit andern Gästen unterhalten oder sich einige Zimmer ansehen und das Schönste aussuchen.


Prinzip des narrativen Pfades

Verknüpft werden Raum- und Zeitdimension in Hyperfiktionen vektoral über das Prinzip des Pfades oder Wegs. Die narrativen Pfade sind in den elektronischen Konstrukten nicht nur Mittel zum Zweck, sondern oft schon das Ziel.

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© Beluga Verlag, Beat Suter, CH-5430 Wettingen, 25. September 1996.
Letzte Fassung: 9. Dezember 1998.

 

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