
"Wenn sie vor mir auftauchen, versetzen sie mir noch immer einen Schlag, etwa wie beim Aufblitzen einer Tätowierung", sagt Kunstkritiker B. nach einem Podiumsgespräch über Graffiti-Bilder in der Roten Fabrik in Zürich.
Mit den Bildern selbst kann B., nachdem er den ästhetischen Schock verdaut hat, nicht viel anfangen. Die einen Leute raufen sich die Haare, weiss er zu erzählen, während der Anblick eines guten Graffiti den anderen das Herz höher schlagen lässt. Darüber hinaus befremdet es ihn sehr, dass die Sprayer ziemlich wortkarg bleiben und vor allem von Rebellion, Protest gegen die Gesellschaft, von der Lust und vom Nervenkitzel beim illegalen Sprayen reden.

B. möchte mehr wissen über das Phänomen Graffiti. Er möchte bessere Erklärungen, kunsthistorische Verweise, Anregungen, Motive. Doch die Gesprächspartner aus der Sprayerszene sträuben sich, sie geben keine zusätzlichen Informationen preis. Das gefällt dem Kunstkritiker nicht. Mit der Inhaltslosigkeit, der Leere, die ihm nicht nur in den Bildern, sondern nun auch noch in der Sprache der Sprayer entgegenschlägt, kommt er nicht zurank. Trotz der ursprünglichen Absicht, ohne Vorurteil an die Sache heranzugehen, beginnt er dann doch mit der Ausgrenzung.
Das geht ganz einfach: Die "echte Graffiti-Kunst" wird von der unechten getrennt, indem einige Kriterien zu Hilfe gezogen werden, die traditionell zur Abgrenzung von "High- und Low-Culture" verwendet werden. B. ist beileibe nicht der einzige, der dieses Vorgehen wählt. Praktisch die gesamte "Intelligenzia" straft die Writer mit der Zuteilung in den Topf der Trivialkultur. Zu diesen gehört auch einer, dem das Glück widerfahren ist, dem besseren Topf zugeteilt worden zu sein: der "Sprayer von Zürich". Harald Nägeli, das nächtliche Strichfigurenphantom der Jahre 1977 bis 1979 hat in der Öffentlichkeit verschiedene Male klargestellt, wo er sich selbst sieht, und wo die andern hingehören. Die Graffiti-Kunst halte er für nicht wichtiger als das Zuschlagen eine Autotür, sagte er - und die hiesigen Writer hätten sich zu sehr der amerikanischen Mickymaus-Kultur ausgeliefert. Vielleicht darf der grosse Nägeli so etwas sagen, schliesslich hat er seine Portion an Rebellion geleistet - und auch noch gebüsst dafür mit neun Monaten Haft sowie einer Professur. Heute jedenfalls besprayt der grosse Nägeli Interio-Schränke mit seinen einschlägigen Motiven und kreiert Bettwäsche, die für teures Geld einen traumhaften Schlaf garantiert.

Typisch ist auch die ästhetisch-moralische Wertung, mit der B. in der Rückschau auf das missglückte Podiumsgespräch versucht, die kreativen Köpfe der sogenannten Gegengesellschaft aufzuspalten. Dazu greift er sich einen Wandmaler heraus und vergleicht dessen Arbeit mit den Graffiti-Bildern der Schweizer Writer. B. ist fasziniert vom Wandkünstler Hackepeter, der in der von 1991 bis Ende 1993 besetzten leeren Wohlgroth-Fabrik beim Zürcher Hauptbahnhof verschiedene grossflächige Wandmalereien angebracht hatte. Der Vergleich allerdings ist nur ein indirekter, denn B ist vor allem fasziniert von Hackepeter, weil er dessen Arbeiten in die Schweizer Kunsthistorie einzuordnen vermag. "Ist es dem herausragenden Mauermaler von Wohlgroth nicht gelungen, in Anlehnung an Hodler einen eigenständigen, "schweizerischen" Stil frei von infantilen Amerikanismen zu entwickeln?" fragt er rhetorisch. Er vergisst aber dabei, dass die Kultur der Writer keine "schweizerische" sein kann, dass sie so international ist, wie unsere Medien- und Konsumwelt geworden ist, und dass er dewegen die Einflüsse und Analogien woanders zu suchen hätte.
Die Writer liefern mehr als nur eine unerwünschte Stadtdekoration. Sie liefern Kommunikationsmuster, die eher fremd sind, nichtsdestotrotz aber verstanden werden können. Unser Katalog versucht, diese Welt zu erforschen, indem er einige der Muster herausgreift und analysiert. Wir setzen an der Stelle ein, wo normalerweise das Verständnis für Graffiti aussetzt.
Auch das Verständnis der Sprayerszenen füreinander setzt oft aus. Dabei sind die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichten der Subkulturen so ähnlich, dass man eigentlich nicht darum herumkommt, sie in einen Zusammenhang zu setzen. Wir versuchen das unter den beiden Begriffen "Anarchie und Aerosol".

Wir verknüpfen die beiden Begriffe Anarchie und Aerosol sowohl mit den Wandsprüchen als auch mit den "American-Graffiti-Pieces" - beide Graffiti-Arten sind aus dem Bild der meisten städtischen Landschaften heute nicht mehr wegzudenken. Anhand der Graffiti-Ereignisse einer Region zwischen 1980 und 1995 und ihrer subkulturellen Umfelde versuchen wir ein möglichst vorurteilsfreies, verständliches Bild des internationalen Phänomens Graffiti zu entwickeln.

In der Schweiz entstanden in den frühen 80er Jahren im Gefolge der Jugendunruhen viele Wandsprüche. Sie waren Reaktion auf Missstände und Zeichen des Protetstes. Sie bezogen sich auf Dinge und Ereignisse in der nächsten Umgebung: Beton, Häuserabbruch, Wohnungsnot, fehlende kulturelle und gesellschaftliche Freiräume, Polizeiübergriffe und anderes. Die anonymen Sprücheschreiber operierten mit Sprachwitz und Ironie: Keine Macht für niemand / Auch die Bretter, die man vor dem Kopf hat, können die Welt bedeuten / Ob die heile Welt noch 'ne Weile hält? Sprüchen dieser Art und einfachen Strichzeichnungen begegnet man heute nur noch selten. Weggeputzt, verblasst oder aber durch Graffiti einer neuen Generation überdeckt, sind sie höchstens noch in der Erinnerung oder in den gut gehüteten Archiven der Polizei präsent.
Die Wände urbaner Räume sind aber heute wieder von einer unübersehbaren Fülle kaum entzifferbarer Zeichen bedeckt: Grosse, farbige, aufwendig gestaltete Pieces. Kein Strassenzug, keine Unterführrung, kein Wartehäuschen, das nicht die Spuren heimlicher Aktivitäten trägt. Der Eindruck des Chaos und des Inflationären drängt sich auf, denn unleserliche Tags (Codenamen der Sprayer) nehmen spinnwebenartig jede Unterlage in Beschlag und markieren Präsenz. Die Tags und Spraybilder lehnen sich an die Formensprache der Comics an und beschränken sich inhaltlich auf einfache Begriffe wie Style oder Tribe, Namenszüge (Zest, Sha, Can Two, Craze, Gen U One), Buchstabenaneinanderreihungen (Skerz, EKR) und Kürzel (UC/Upper Class, TFR/The Fantasy Revolution). Sie sind für die meisten Betrachter nicht oder nur schwer lesbar, beeindrucken aber durch ihre aussergewöhnliche visuelle Vielfalt.