PRESSESPIEGEL

Was meinte die Presse zur Graffiti-Show?




Tages Anzeiger Zürich

27. August 1995

Begegnungen mit dem Geist aus der Dose

Das Historische Museum Baden zeigt Spraywände aus den Jahren 1980 - 1995

Graffiti und Spontisprüche gehören zur Stadt wie der Beton. Die Badener Ausstellung "Anarchie und Aerosol" setzt angejahrte Spontisprüche neben heutige American Graffiti. Die Polizei ist bereits vor der Vernissage eingefahren.

Von Karl-Iversen Lapp

Alle haben versprayte Wände gesehen, keiner weiss Bescheid. Also treten die Weisen und die Ordner an: Kunstkritiker, Publizisten, Gemeinderäte oder SBB-Beamte reden von Kunst - oder auch von Vandalismus. Lob und Tadel werden dokumentiert von der Ausstellung "Anarchie und Aerosol" im Historischen Museum Baden. Unter den ersten Besuchern befanden sich Sprayer und ihre Freunde, sie urteilten so einstimmig wie einsilbig: geil, cool.

Hauptsache: "Style"

Aerosoldosen versprühen den bittersüssen Duft der Illegalität, aber die Badener Ausstellung benimmt sich brav. Was heisst schon brav? Eine 50 Quadratmeter grosse Blache ist auf Wunsch der Ausstellungsmacher besprayt worden. Zu dieser mithin legalen Aktion erschien die Polizei. Sie wusste, weil sie Uniform trägt, auch, was zu tun ist: Personenkontrolle.

Auch die SBB verfolgen klare Richtlinien. Norbert Mattenberger, Pressesprecher SBB, sagt auf Anfrage, dass jede Sprayerei mit einer Strafanzeige beantwortet werde. Der Schaden belaufe sich für die SBB gesamtschweizerisch jährlich gegen drei Millionen Franken.

Mit der Gefahr wächst der Reiz. Sogenannte Gebombte Züge belohnen den Sprayer mit "Fame", also mit Ruhm. Überhaupt, der Graffiti-Jargon schwadroniert englisch. "Pieces" heissen grossformatige, mehrfarbige Wandbilder. "Styles" ist das Logo der Writer und oft gleich das Hauptmotiv der "Pieces". Dazu gesellen sich Comicfiguren, teils Eigenkreationen, teils Schnäbel aus Entenhausen. Graffiti sind - wie Rapmusik, DJing und Breakdance - einfach Kunst, einfach Hip Hop.

In der Badener Ausstellung hippt und hoppt eine Fotoserie entlang der S 12 von Zürich nach Brugg. Mit Stopp an spraybunten Mauern, Brücken, Bahnhöfen. Jedes Gebiet besitzt seinen Spraytempel, die lokale Hall of Fame befindet sich in der ehemaligen Färberei Schlieren. Deren Umfassungsmauer ist inseitig voll graffitiert. Neben den Regionalmatadoren sprayte hier etwa der Kölner "Can 2".

Spray ab Stange

Die Szene kennt sich und ist via Hochglanzmagazin vernetzt. Das Historische Museum Baden zeigt ferner die Internet-Galerie "Art Crimes Index". Dort hängt die jugendlich-städtische Volkskunst wie Konfektionsware an der Stange. Kein Wunder angesichts des allgemeinen Phantombildes der Sprayer: 15- bis 20jährig, männlich, Durchschnittsbürger.

Die kalten American Graffiti werden im Historischen Museum Baden mit den Spontisprüchen der 80er Jahre verglichen. Die damalige Anarchie ging im Dschungel der Politik verloren: Am Zürichsee steht nun zwar eine Rote Fabrik, aber der ehemals geforderte freie Blick auf das Mittelmeer ist verrammelt. Und der Sprayer schlechthin, Harald Naegeli, geht mit seinen Strichen heute auf die Bettwäsche. Das Versandhaus macht's möglich. Der Streit zwischen Sponti-80ern und Graffiti-90ern ist also überflüssig. Der Rubel rollt, die Oberfläche glänzt. Da ist es schon viel, wenn die Badener Ausstellung das Umfeld absteckt, Vergleiche anstellt, auch wenn sie die Mühsal der Analyse scheut.




Züri Tip

25. August 1995

S 12 - Die Writer-Line

"Anarchie und Aerosol": Wandsprüche und Graffiti 1980 - 1995

Von Peter Früh

Mit Wandsprüchen und Graffiti sowie deren Entwicklung in den letzten 15 Jahren befasst sich eine Sonderausstellung im Historischen Museum Baden, Kernstück ist eine Bestandesaufnahme entlang der S-Bahnlinie 12 von Zürich nach Brugg.

Legal angebracht worden sind sie in den seltensten Fällen. Für die einen sind sie optisches Vergnügen, für die andern ausgesprochenes Ärgernis. Doch Sprayereien und Graffiti sind nun einmal da und werden wahrgenommen. Als urbane Volkskunst und als Ausdruck der Lebenshaltung jugendlicher Subkulturen serstehen sie die Macher der Badener Ausstellung. Dusan Brozman, Meili Dschen und Beat Suter wollen in die Sprache der gesprayten Bilder, Hieroglyphen und Parolen einführen, ihre Hintergründe beleuchten und auf die zum Teil hohe künstlerische Erfindungskraft hinweisen.

"Paffe statt schaffe" ist out

Sie dokumentieren anhand einer umfangreichen Foto- und Dokumentensammlung auch, wie radikal sich Form und Inhalt innerhalb von nur 15 Jahren verändert haben. In den 80er Jahren entstanden vor allem hastig hingesprayte Wandsprüche als Ausdruck einer gesellschaftskritischen Protesthaltung, wie beispielsweise "Paffe statt schaffe" an der Kantonsschule Baden. In den 90er Jahren hielten, von den USA kommend, die farbenfrohen und grossflächigen Spraygrafiken der HipHop-Szene Einzug. Ihre Zeichen und Formen zielen in den seltensten Fällen auf eine rasch erfassbare Aussage, sind aber ein adäquater Ausdruck von Leuten, die im visuellen Zeitalter aufgewachsen sind.

Das Rückgrat der Ausstellung bilden zwei Panoramatafeln, die diese Epochen illustrieren. Die eine will anhand von Graffiti und Zeitdokumenten das Scheitern der Bemühungen um Kulturräume in der Region Baden zeigen. Die andere ist eine aktuelle Bestandesaufnahme der Graffitiszene entlang der S-Bahn-Linie 12 von Zürich nach Brugg. Die Graffiti an der Brockenstube der Heilsarmee in Zürich, an der Backsteinmauer in Dietikon und am Holzschuppen beim Bahnhof Wettingen sind für die Vorbeirasenden längst vertraute Farbtupfer im Siedlungsbrei geworden - mag man die Graffiti als Kunstwerke empfinden oder nicht.

Dass Bahnlinien und -züge weltweit zu bevorzugten Graffiti-Objekten gehören, ist kein Zufall. Wer sprayt, sucht Beachtung für sein Werk. Ausschnitte aus Skizzenbüchern und Szenemagazinen in der Ausstellung belegen, wie wohlorganisiert und -vorbereitet ans zumeist nächtliche, bewusst nicht für die Ewigkeit bestimmte Werk gegangen wird.

Während ortsfeste Graffiti mancherorts auch von Grundeigentümern und Behörden toleriert werden, ist das Besprayen von Eisenbahnzügen eine heisse Angelegenheit geblieben. Bussen und hohe Schadenersatzforderungen riskiert, wer dabei erwischt wird. Trotzdem locken "The Big Blue", die Doppelstockzüge, oder die "Red Beans", die früheren Züge der Golküstenlinie, die Writer, wie sich die Sprayer von heute nennen, immer wieder aufs neue.




Süddeutsche Zeitung München

7. September 1995

Sprayer von Zürich kann Graffiti nicht leiden

Sprüh-Künstler von heute sind absolut phantasielose, unschöpferische Spiesser

Von Bernadette Calonego

Sie waren plötzlich massenhaft an Zürichs Betonwänden aufgetaucht: skurrile Strichmännchen, Spiralen, Augen, Spinnenfrauen - insgesamt mehr als zweihundert. Fieberhaft fahndete die Polizei nach dem unbekannten Sprayer von Zürich, der von 1977 an ganz illegal seine geheimnisvollen Kunstspuren auf öden Flächen hinterliess. Das Strichfiguren-Phantom, hinter dem sich der Künstler Harald Naegeli verbarg, wurde damals europaweit bekannt.

In Deutschland ersuchte der helvetische Protestkünstler gar um Asyl. Eigentlich müsste der 56jährige Naegeli also als Urvater der Schweizer Graffiti-Bewegung gelten. Doch für die junge Wandmaler-Generation ist der sprayende Zorro aus Zürich ein Niemand. "Die wissen gar nicht, wer Naegeli ist", stellt Beat Suter fest. Der 33jährige Zürcher Kunsthistoriker hat zusammen mit zwei anderen jungen Leuten die Geschichte der Schweizer Graffitis in der Ausstellung "Anarchie und Aerosol" in Szene gesetzt.

Im Historischen Museum in Baden bei Zürich findet man auch Naegelis künstlerische Fortsetzungsgeschichte: Kissenbezüge im Strichmännchen-Stil. Heute kreiert der einstige Anarchist der Betonwände nämlich Bettwäsche, "die für teures Geld einen traumhaften Schlaf garantiert", wie Beat Suter im Ausstellungskatalog spottet. Bettbezüge mit dem unverkennbaren Stil des Zürcher Sprayers werden für 500 Franken angeboten. Wer sich mit einem Badetuch des einstigen Schreckens von Zürichs Kleinbürgern abtrocknen will, muss 150 Franken hinblättern. Schon vor zwei Jahren hatte Naegeli Schränke für eine Möbelhauskette besprüht. Dabei hatte er noch Anfang der achtziger Jahre erklärt, seine "wertfreie Kunst" könne nicht vermarktet werden.

"Das ist ein Verrat an der Graffiti-Kunst"

"Das ist schon ein kleiner Verrat an der Graffiti-Kunst, die einen rebellischen Charakter hat", meint Beat Suter. Doch Naegeli findet: "Warum soll ich zwanzig Jahre später nicht eine andere Meinung haben?" Design sei schliesslich angewandte Kunst. Lang scheint's her, seit der Zürcher Sprayer Anfang 1981 von einem Zürcher Gericht zu neun Monaten Gefängnis und 100 000 Franken Busse verurteilt worden war. Naegeli habe es verstanden, so urteilte der Staatsanwalt damals, "über Jahre hinweg mit beispielloser Härte, Konsequenz und Rücksichtslosigkeit die Einwohner von Zürich zu verunsichern". Heute wird das in Zürich etwas anders gesehen. Die übriggebliebenen Wandzeichnungen Naegelis, der nun in Düsseldorf lebt, werden bei Fassaden-Erneuerungen sorgfältig ausgespart. Und auf einem offiziellen Kunstführer der Stadt figuriert seine Spinnenfrau gleich neben Henri Moores Plastiken und Tinguelys Maschinen.

Für die umstrittene Graffiti-Kunst der neunziger Jahre hat Naegeli trotz seiner Vergangenheit keine Sympathie. "Das ist so ereignislos, wie jemand, der in ein Auto hineinsteigt und den vorgeschriebenen Weg abfährt", moniert er. Die heutigen Graffiti-Künstler seien "absolut phantasielose, unschöpferische Spiesser". Da gebe es keine Botschaft, keinen Protest. "Vielleicht darf der grosse Naegeli so etwas sagen", kommentiert Ausstellungsmacher Suter ironisch, "schliesslich hat er seine Portion an Rebellion geleistet."




Blick

22. August 1995

Graffiti im Museum

Von Guy Lang

Graffiti sind urbane Volkskunst. Das zeigt "Anarchie und Aerosol" im Landvogteischloss Baden. Morgen ist Vernissage.

Die gesprayten Bilder und Hieroglyphen sind aus den heutigen Stadtbildern nicht mehr wegzudenken. Sie sind Ausdruck des Lebensgefühls jugendlicher Subkulturen. Die Wandsprüche und Malereien entstehen bei Nacht und Nebel. Sie beschäftigen vor allem die Strafbehörden. Die Ausstellungsmacher um Beat Suter wollen aber zeigen, dass es sich um künstlerisch Hochstehendes handelt. Sie haben die Linie der S 12 zwischen Brugg und Zürich als Beispiel für Graffitis geortet. Seit 1980 haben sich Form und Inhalt der Wandmalereien radikal verändert. In der Ausstellung dokumentieren Fotos und eine audiovisuelle Show die Entwicklung.




SonntagsZeitung, Schweiz

27. August 1995

Gesehen

Von Peter Stöckling

Ärger, meinte ein Insider zu den Problemen der heutigen Graffitiszene, gebe es eigentlich nur noch mit den SBB. Die Ausstellung "Anarchie und Aerosol" im neuen Teil des Badener Historischen Museums beim Landvogteischloss zeigt denn auch, wie weit entfernt die Zeiten der Eisbrecherparolen ("Freiheit für Grönland"/"Freie Sicht aufs Mittelmeer"), formuliert während der Zürcher Jugendunruhen, sind.

Drei junge Kunsthistoriker, die die Sprayereien als Ausdruck der Lebenshaltung jugendlicher Subkulturen begreifen, haben entlang der S-Bahnlinie 12 zwischen Zürich und Brugg Spurensicherung betrieben. Ausgangspunkt der mit multimedialen Mitteln eingerichteten Ausstellung ist eine umfangreiche Fotosammlung, die sowohl die Entwicklung, als auch Themenschwerpunkte fomuliert. Das Resultat: Es sind weit mehr die "Schmierereien" von 1980, die das Thema der Ausstellung tragen und letztlich auch museumsfähig machen, als die stereotypen Farborgien der jüngeren Sprayergeneration. Graffiti seien "fraglos Poesie", sagte einer der Ausstellungsmacher an der Vernissage - eine Überzeugung, die durchaus mit einem Fragezeichen versehen werden darf. Auch das wird in der Badener Ausstellung sichtbar.




Schweizer Illustrierte

25. September 1995

Baden

Aus den Ghettos amerikanischer Grossstädte kam Anfang der achtziger Jahre die Sprayer-Kunst nach Europa. Unter dem Titel "Anarchie und Aersol" zeigt das Historische Museum im Neubau neben dem Landvogteischloss Fotos, Zeitungsausschnitte, eine Musikbildschau und ein für die Ausstellung erstelltes Graffito. Die "Wandsprüche und Graffiti 1980 - 1995" von verschiedenen Künstlern sind bis 17.12. zu sehen.




Radio DRS 3 und DRS 1, Schweiz

23/24. August 1995

Sendungen "Graffiti" und "Regionaljournal"

Von Felix Metzler und Michael Bolliger

Ein Interview mit den Ausstellungsmachern Dusan Brozman und Beat Suter wurde in der Sendung "Graffiti" auf DRS 3 ausgestrahlt. DRS 1 brachte zweimal einen Bericht zur Vernissage in den Sendungen "Echo am Mittag" und "Regionaljournal".




Schweizer Fernsehen SF DRS

7. September 1995

Tagesschau

Von Ueli Sax

Ein zweiminütiger Film über die Graffiti an der S-12-Linie mit schnellen Bildern (Schnitten) und einem Kurzinterview mit Ausstellungsmacher Beat Suter wurde zweimal in der Tagesschau, Sonntag nachmittag und um 19.30, ausgestrahlt.




Tele M1, Schweiz

20. September 1995

Magazin

Von Danielle Vonburger

Ein sechsminütiger Bericht zur Ausstellung mit Archivaufnahmen einer Graffiti- und Break-Dance-Party in Baden sowie seltenen Aufnahmen aus den SBB-Werkstätten in Zürich, wo die versprayten Wagen gebufft werden. Ein Verantwortlicher der SBB wird zu Vandalismus, Bahngraffiti und Ausstellung interviewt. Der Film kann bei Tele M1 auf VHS bestellt werden. Adresse: Tele M1, Danielle Vonburger, Vermerk "Graffiti", Stadtturmstr. 19, 5401 Baden.


© Beat Suter, Beluga, Switzerland
Zürich, 16. Dezember 1995