Anarchie und Aerosol

Wandsprüche und Graffiti 1980 bis 1995


Bild: Wiechmann/AUG

 

Was war bei der ersten grossen
Graffiti-Ausstellung in der Schweiz zu sehen?



 




Radikale Veränderung der Graffiti in nur 15 Jahren!



Züri brännt, unbekannt 1981

Die für ein Historisches Museum ungewöhnliche Ausstellung sollte die Aufmerksamkeit auf das ständig sich wandelnde Phänomen Graffiti lenken. Anhand eines eng umgrenzten Rahmens zeichnete sie die Entwicklung der Sprayereien von Beginn der 80er Jahre bis in die Gegenwart nach. In der kurzen Zeitspanne von 15 Jahren haben sich Form und Inhalt der Graffiti radikal verändert. Die Ausstellungsmacher begriffen Sprayereien als urbane Volkskunst und als Ausdruck der Lebenshaltung jugendlicher Subkulturen.



Rocmen, Bahnhof Schlieren1994

Die Idee zu dieser Ausstellung entsprang der Überzeugung, dass die in Nacht- und Nebel entstandenen Wandsprüche und Graffiti mehr als nur das Interesse der Strafbehörden verdienen. Ausstellung und Publikation verstanden sich als Beitrag, in die Sprache der gesprayten Bilder, Buchstaben, Hieroglyphen, poetischen Kalauer und Parolen einzuführen, wie auch deren Hintergründe zu beleuchten. Gleichzeitig sollte aber auch auf die zum Teil hohe künstlerische Erfindungskraft hingewiesen werden.



TCN, RIAP, SBB-Wagen 1995

Ausgangspunkt der Ausstellung bot eine umfangreiche Fotosammlung der Ausstellungsmacher, die sowohl die Entwicklung als auch Themenschwerpunkte dokumentiert. Das Herzstück der Ausstellung war eine audiovisuelle Show, die nebeneinander die Entwicklung der Spontisprüche der 80er Jahre und der "American Graffiti" in der Schweiz zeigt. Zwei lange Tafeln bildeten das Rückgrat der Ausstellung: Auf der einen Panoramatafel wurde nicht die schweizerische Gebirgskette, sondern die S-12-Linie zwischen Brugg und Zürich als exemplarische Bahnlinie mit Graffiti-Stationen präsentiert. Die zweite Panoramatafel beschäftigte sich mit lokaler Zeitgeschichte: Sie zeigte das Scheitern der Bemühungen um Kulturräume für die Jugend in Baden anhand von Graffiti und Zeitdokumenten.



Lefzer, Schlatter-Areal Schlieren 1994

Nebst der passenden Musik wurden die Graffiti in der Ausstellungsgalerie des Melonenschnitzes durch Kommentare und Publikationen der jeweiligen Szenen begleitet: Flugblätter, Broschüren, Zeitschriften. Andere Lebensbereiche jugendlicher Subkulturen wurden anhand authentischer Materialien präsentiert. Mit teils didaktisch aufbereiteten Zeitdokumenten sowie den stimmungs- und emotionsgeladenen Objekten wurde ein atmosphärisch dichtes Umfeld geschaffen, in dem die Graffiti und Wandsprüche als Teil eines Ganzen erschienen.



Euro, Schlatter-Areal Schlieren 1995

Internet-Galerie

Als besonderen Leckerbissen bot die Ausstellung per CD-Rom Einblick in die internationale Graffiti-Galerie "Art Crimes Index", die von den beiden amerikanischen Graffiti-Kennern Susan Farrell und Brett Webb auf dem Internet aufgebaut worden ist. Mit vierzig anwählbaren Städten auf der ganzen Welt machte sie deutlich, wie stark die Graffiti-Bewegung international vernetzt ist.

Zur Vernissage hatte das Museum eine Graffiti-Performance organisiert. Die Writer Skerz, Zest, Line und Roe von Casino Nation sprayten ein 12 x 3 Meter grosses Piece auf die Rückseite des Museums, das dort noch eine Weile zu sehen sein wird.


Die Ausstellungsmacher

Erarbeitet und gestaltet wurde die Ausstellung von der Gruppe "AUG ALLTAG UND GESTALTUNG". AUG besteht aus den drei Kunsthistorikern Dusan Brozman, Meili Dschen und Beat Suter aus Zürich und Baden.

Zum Eingang der Graffiti-Galerie







Can2, Sim2, Schlieren 1994/95

Zum Eingang der Graffiti-Galerie
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© Beat Suter, Beluga, Switzerland
Zürich, 16. Dezember 1995