Bernd Wingert, ITAS Forschungszentrum Karlsruhe

Der Leser im Hypertext

Im Weinberg oder im Steinbruch?

 

001 Einführung

Es scheint schon schwierig genug zu sein, Hypertexte zu schreiben; es scheint aber – so Mark Bernstein auf der ACM Hypertext-Konferenz in Darmstadt – noch schwieriger zu sein, in solchen sich verzweigenden Erzählungen auch noch mit "conditional links" zu arbeiten, denn die Autoren würden diese in "Storyspace" eingebaute Möglichkeit kaum nutzen. 1] Freilich hat Michael Joyce, immerhin ja Mitentwickler von Storyspace, mit solchen "guard fields" emsig gearbeitet, wie uns die in Romainmôtier anwesende Gewährsfrau glaubhaft versicherte. 2] Und diese reflexive Kontextierung des weiteren Lesens vom zuvor Gelesenen ist neu, ist eine neue Spielmöglichkeit zwischen Autor und Leser.
Was die Einbeziehung des Lesers und der Leserin in den Schreibprozeß angeht, gibt es seit jeher zwei Standpunkte: Beachtung oder Mißachtung; für die erste Einstellung kann Max Frisch dienen ("Der erste schöpferische Akt, den der Schriftsteller zu leisten hat, ist die Erfindung seines Lesers."), für die zweite Günter Kunert ("Ich habe glücklicherwiese keine Vorstellung von einer Leserschaft. Ich bin selber Leser.") Aber "Hypertext", dieses nicht nur neue Daten- und Dokumentmodell, sondern auch Schreib-, Lese- und Denkmodell, scheint die Berücksichtigung des Lesers zu fördern – davon berichtet jedenfalls unter Rückgriff auf eigene Schreiberfahrungen an "Hilfe!", das auszugsweise auf der Tagung in einer gemeinsamen Klick- und Leseanstrengung (die Autorin und als Sprecher Martin Auer) realisiert wurde, Susanne Berkenheger. 3]
Entsprechend dürfte es kein Zufall sein, daß Jill Walker, die auf dem o.g. Kongreß den zum ersten Mal ausgelobten "Ted Nelson Newcomer Award" gewann (mit einer Lektüreanalyse von "Afternoon"), nach dem ersten Bericht über die Rekonstruktion der "Geschichte", die es in "Afternoon" nach wie vor gibt, auf das Phänomen des "Wiederlesens" zu sprechen kommt. 4] Sollte am Ende diese alte Form des wieder und wieder Lesens (die Heiligengeschichten im liturgischen Jahr, die Märchen, die immer exakt erzählt werden müssen) zugleich die neue Form sein? Und die im Titel verwendete erste Metapher, "im Weinberg", spielt auf ein solches Lesen an, genauer auf einen Titel von Ivan Illich: "Im Weinberg des Textes."
Mit dem Untertitel: "Als das Schriftbild der Moderne entstand." Dieser Teil der Hypothese Illichs von der Emanzipation des Textes vom Blatt interessiert im vorliegenden Zusammenhang nicht, wohl aber die Art des Lesens. Es ist natürlich lautes Lesen, sich sammelndes Lesen, Lektüre der Heiligen Schrift, "lectio divina", und die Analyse Illichs ist die Interpretation einer mittelalterlichen Leseanleitung, "Ein Kommentar zu Hugos >Didascalicon<", also ein Unterrichtsmittel, um 1128 geschrieben, vom Abt des Augustinerklosters St. Viktor in Paris, Hugo:
"Wenn Hugo liest, erntet er; er pflückt die Beeren von den Zeilen. Er weiß, daß schon Plinius das Wort pagina, Blatt, von epalier hergeleitet hat. Für Hugo waren die Zeilen auf der Seite der Draht eines Spaliers, das die Weinreben stützt. Während er die Früchte von den Pergamentblättern pflückt, fallen die voces paginarum aus seinem Mund; als gedämpftes Murmeln, wenn sie für seine eigenen Ohren gedacht sind, oder recto tono, wenn er sich an die Gemeinschaft der Mönche wendet." 5]
Die in zahlreichen Textstellen zum Ausdruck kommende, uns heute eher fremde, am Riechen und Schmecken orientierte Sprache mag eine ferne Assoziation in Hypertexten haben, wenn auch dort von einem "berrypicking" gesprochen wird. 6] Oder wird künftig die Haptik zum Zuge kommen, die "sensation" des spannungsgeladenen Finger-Klicks (oder -Glücks?)?
Das Kloster in Romainmôtier, die Tagungsstätte, etwa in jener Zeit gebaut, in der Illichs Analyse angesiedelt ist, und in der auch eine Erzählung in der Erzählung in "Quibbling" spielt, die ich als Einführung zu meiner Analyse gewählt hatte (von Margret & Henry, die zum Spiegelbild der Beziehung zwischen Heta & Priam wird, die wiederum als Reflexion zwischen der Autorin, Carolyn Guyer, und ihrem literarischen alter ego interpretiert werden kann), 7] wäre nun in der Tat der richtige Platz gewesen, um solchen Beziehungen zwischen dem "alten" und dem "neuen" Lesen" nachzuspüren. Das Lesen von literarischen Texten wird zurecht "ergodic" genannt, es kann wirklich Arbeit sein, es kann so etwas wie monastische Disziplin erfordern. 8] Aber der Geist des Ortes war (oder die am Ort versammelten Geister waren) dem Link-Experiment nicht geneigt, deshalb werde ich im folgenden die Anlage des Experimentes noch beschreiben, in den Ergebnissen aber dann wieder auf meine eigene Analyse zurückgreifen; zuvor noch eine knappe Einordnung des Experimentes und einige Worte zum Hintergrund der Frage.





1] Mark Bernstein machte diesen Einwurf in einer Podiumsdiskussion, in der es um "Adaptive Hypermedia" ging. Zur Konferenz vgl. den Tagungsband: Hypertext '99. 10th ACM Conference on Hypertext and Hypermedia , Darmstadt, 21.-25.2.99; zum o.g. Panel. S. 199-200; eine ausführliche Tagungsnotiz wird in Heft 4 (99) der NfD erscheinen.

2] Doris Köhler; vgl. ihren gemeinsamen Beitrag mit Rolf Krause, in dieser Sammlung; zu Storyspace vgl. die WWW-Adresse von Eastgate: www.eastgate.com/







3] Vgl. ihren Beitrag in dieser Sammlung. Auch Christian Bachmann kommt an einer Stelle seiner Semesterarbeit der Gedanke, daß nicht wachsende Distanzierung zwischen Autor und Leser, sondern durch Hypertext im Gegenteil größere Nähe begünstigt werden könnte: Hyperfictions - Literatur der Zukunft? Uni Zürich, Seminar Prof. Böhler, WS 97/98; vgl. http://door.ch/wohlkaum.index.html; neu rech. am 23.4.99.

4] Ob solches Wiederlesen dann zurecht als nietzscheanisch einzustufen ist oder nicht, kann hier offen bleiben. Vgl. Jill Walker: Piecing together and tearing apart: Finding the story in afternoon. ACM-Band, S. 111-117.
















5] Illich, Ivan: Im Weinberg des Textes. Frankfurt a.M.: Luchterhand Literaturverlag 1991, S. 58f (Hervorh. i.O.)

6] Vgl. Bates, Marcia J.: The design of browsing and berrypicking techniques for the online search interface. Online Review (1989) 13,5, S. 407-424.






7] Guyer, Carolyn: Quibbling. Watertown (MA): Eastgate 1992 (Storyspace Hyperfiction)


8] Espen Aarseth spricht in seinem Buch von "ergodic literature"; vgl. "Cybertext. Perspectives on ergodic literature. Baltimore: The Johns Hopkins UP 1997. Dieses Attribut soll auf die Selektionsarbeit beim Lesen von Hypertexten hinweisen ("non-trivial effort is required to let the reader traverse the text"; S. 2).
002 Zum Hintergrund

Wer Prototypen von Hypertexten und Elektronischen Büchern entwickelt, muß sich irgendwann auch der Frage stellen, ob überhaupt solche Dinge gelesen, wie sie lesefreundlich eingerichtet werden können und welche Probleme dann trotz aller Bemühungen noch bestehen bleiben. Die Beschäftigung mit lesebezogenen Fragestellungen war im gemeinsamen Forschungsprojekt zu "elektronischen Büchern" immer auch ein Gegenstand. 9] In dieser Tradition stand meine Beschäftigung mit "Afternoon", das ich nicht so erfolgreich bewältigte wie die oben schon genannte Leserin,10] sowie der im letzten Jahr abgeschlossene Leseselbstversuch mit "Quibbling". Dort kam es mir darauf an, nicht nur die "Geschichte" zu erfassen, sondern auch die Effekte der "Technik" und neue Qualitäten des literarischen Lesens aufzuspüren. 11] Und damit dieses Leseexperiment gute Startbedingungen hatte, wurden zwei Lesekampagnen in Ferienwochen gelegt (daher die Anspielung auf die monastische Disziplin).


003 Versuch mit Pfaden

Es gibt in "Quibbling" drei Leseweisen, a) der thematischen Ordnung nach, so wie die Autorin die Figuren angeordnet hat (wonach dann, absichtlich, die weiblichen Figuren in einer Box "nun" vereinigt sind, die männlichen einzeln stehen); b) eine traversale Leseweise, entweder der "guided tour" der Autorin oder den eigenen Impulsen folgend, sowie eine c) "montierende" Leseweise, die Textboxen also sich selbst anzuordnen. Alle Leseweisen wurden durchexerziert, und darunter ist die "montierende", in der der Leser seine eigene, post-koordinierte Ordnung, wie man in der Bibliothekswissenschaft sagen würde, herstellt und sie der prä-koordinierten, autor-bedingten gegenüberstellt, die radikale und theoriekonforme.
Bei "Forking Paths" griff ich, als ich nach einiger Zeit merkte, wie der Hase läuft, gleich zu dieser Form und bastelte mir meine eigene "Erzählung" zusammen 12] und unterzog diese Struktur dann weiteren Analysen. Ein Teil bestand darin, die assoziative Sprungweite der in "Forking Paths" verwendeten Verknüpfungen durch ein experimentell retadiertes Lesen auszumessen, was ich eine Mikroanalyse der Linksemantik nenne. Dies habe ich selbst getan, habe es mit anderen auf einem Workshop zur Zufriedenheit der Teilnehmer/innen erprobt 13] und wollte dieses Exercitium auch den "Romainmôtier-Menschen", wie sie in einer E-Mail einmal etwas verfremdet, aber liebevoll genannt wurden, angelegen sein lassen. Bevor ich dieses Experiment wenigstens noch beschreibe und dann auf einige Ergebnisse aus meiner eigenen Lektüre eingehe, sollte zu "Forking Path" noch eine kurze Einordnung gegeben werden.






9] Vgl. Böhle, Knud; Riehm, Ulrich; Wingert, Bernd: Vom allmählichen Verfertigen elektronischer Bücher. Frankfurt a.M.: Campus 1997; vgl. zu Online-Demos: http://www.itas.fzk. de/deu/projekt/peb.htm

10] Neben Jill Walker wäre Jane Y. Douglas zu nennen: "How do I stop that thing?": Closure and Indeterminacy in Interactive Narratives. In: Landow, George P. (ed.): Hyper/Text /Theory. Baltimore: Johns Hopkins University Press, S. 159-188. Mein eigener "Afternoon"-Versuch" in: Wingert, Bernd: Kann man Hypertexte lesen? In: Matejovski, Dirk; Kittler, Friedrich (Hrsg.): Literatur im Informationszeitalter. Frankfurt u.a.: Campus 1996, S. 185-218.

11] Wingert, B.: Quibbling oder die Verrätselung des Lesers. In: Jakobs, E.-M. u.a. (Hrsg.): Textproduktion. HyperText, Text, KonText. Frankfurt a.M.: Lang 1999 (im Druck).









12] Dies geschah konkret so, daß ich alle Texteinheiten auf Papier ausdruckte, die Einheiten ausschnitt und auf Tischen mit einer Fläche etwa 2x2 Meter ausbreitete und zwei Tage lang las, sortierte und rekonstruierte.

13] So auf der "MMK" genannten Tagung, die 1998 Rolf Todesco mit leitete und wo in der Arbeitsgruppe über "Hyperfiction" sich auch Doris Köhler und Rolf Krause befanden.

"Forking Paths" ist ein von Stuart Moulthrop (1987) für experimentelle Zwecke entwickelter Hypertext (in Storyspace), der als Kern die bekannte Borgessche Erzählung über den "Garten der Pfade, die sich verzweigen" enthält (1941 geschrieben).14] Die Hypertext-Variante ist bei Moulthrop inzwischen nicht mehr erhältlich; ersatzweise verweist er auf seine Hyperfiction "Victory Garden". 15]
Der Hypertext enthält aber nicht nur die alte, etwas ausgedünnte Geschichte, sondern vor allem Ergänzungen in Form von Vor-, Nach-, Unter- und Randgeschichten und alternativen Endungen, die der Hypertext-Leser in teils kantigen Gegenüberstellungen vorgesetzt bekommt. Und hier kommt die Metapher "Steinbruch" ins Bild, für die doch aufwendige, mühsame und harte Rekonstruktionsarbeit, die der Hypertext-Leser auf sich nimmt und auf sich nehmen muß, will er bzw. sie zu irgendeiner Form von Lektüre und Leseerlebnis gelangen.


004 Experiment mit Romainmôtier-Menschen

Damit zum Romainmôtier-Experiment. Es bestand darin, daß ich von den ersten sechs Textziffern (im wesentlichen der Borgessche Text) die jeweilige von Moulthrop so eingeteilte Textportion las und danach die auf die Verknüpfungen folgenden Textportionen, im unten dargestellten Auszug also nach "... Die ersten Seiten fehlen" der Text zu "Seiten fehlen", der beginnt mit: "Ich bin hier an diesem Unort ...". Davor aber machte ich für einige Sekunden eine Pause, und forderte die Teilnehmer/innen auf, sich vorzustellen, was sie denn bei einem solchen Angebot erwarteten. Damit versuchte ich zu evozieren, was in Hypertexten das Spiel mit Erwartungen genannt wird.
Die nachstehende Abbildung zeigt einen Ausschnitt; die Leerräume zwischen Textanfang (z.B. "Auf Seite 242... ) und Textende ("... Die ersten Seiten fehlen.") sollten den Zuhörern einen visuellen Anker liefern, sie aber ansonsten nicht vom intensiven Zuhören ablenken. Die rechts stehenden unterstrichenen Verknüpfungsanker wurden gelesen; die anderen kommen zusätzlich im Hypertext vor.
14] Meine Lektüre erfolgte zunächst nach der Fischer-Taschenbuchausgabe ("Fiktionen. Erzählungen"; Fischer-Taschenbuch Nr. 10581, 1998). Doch erwies sich die Übersetzung an manchen Stellen als regelrecht falsch, an anderen mißverständlich, so daß die Romainmotier-Menschen eine von mir bereinigte Übersetzung hörten. Zwischenzeitlich hat mir Ursula Röser (Forschungszentrum Karlsruhe) eine Neuübersetzung aus dem Spanischen besorgt.

15] Vgl. Moulthrops Homepage an der University of Baltimore: http://www.raven.ubalt.edu/staff/ moulthrop.hypertexts/forkingPaths.html; rech. am 11.4.99.




















Abbildung 1:
Vorlage für Leseexperiment in Romainmôtier (Auszug)
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Der Garten der Pfade, die sich
verzweigen


[ 17.1.99; Garten2.Exp. RoMo]


001
Auf Seite 242 der History of the World War von Liddell ...
...
...
...
...
...
...
Fall. Die ersten zwei Seiten fehlen.



002
... legte ich den Hörer auf. Unmittelbar danach erkannte ich die Stimme, die auf deutsch geantwortet hatte. Es war
...
...
...
...
Noch vor Sonnenuntergang würde mit mir dasselbe geschehen.
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005 Selbstversuch

In Romainmôtier war nicht die Zeit, dieses Experiment "richtig" durchzuführen, aber man kann dies lesender- und schreibenderweise und systematisch tun, wie ich dies als Selbstversuch durchführte. Dafür braucht man Zeit und Geduld, die man ehesten sich selbst abverlangen kann. Ein Ausschnitt aus meinem Protokoll zeigt die nachfolgende Abbildung 2; als Aufgabenstellung war hier zusätzlich zu beachten, die "links" nach Priorität abzuarbeiten, welche Verknüpfung erscheint am attraktivsten, am interessantesten, welche danach usw. Notiert wurden in meinem Selbstversuch also sowohl die Hypothesen vor dem "Aufmachen" des nächsten Knotens wie auch die Effekte und Wirkungen nach dem Lesen des jeweiligen Textes. Auf diese Weise wird ein lektürebezogenes Material produziert, welches nachfolgend nach allen Regeln der Kunst, z.B. contentanalytisch, ausgewertet werden kann. Eine qualitative Auswertung soll hier aber genügen.

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nichts Bedeutendes
Yu Tsun



Seiten fehlen
[Ich bin hier an diesem Unort ...
... solche dummen Fragen stellen.]




Capt. R. Madden [Madden war un...]
Ängste

Runeberg [Armer Runeberg. Sein Gesicht kam wieder zurück ...]
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Abbildung 2:
Auszug aus dem Protokoll zum Leseselbstversuch
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001

On page 242 of Liddell Hart's History of World War I you will read that an attack against the Serre-Montauban line by thirteen British divisions (supported by 1,400 artillery pieces), planned for the 24th of July, 1916, had to be postponed until the morning of the 29th. The torrential rains, Captain Liddell Hart comments, caused this delay, an insignificant one, to be sure.
The following statement, dictated, reread and signed by Dr. Yu Tsun, former professor of English at the Hochschule at Tsingtao, throws an unsuspected light over the whole affair. The first two pages of the document are missing.


zugehörige Verweise von 001 aus rechts; fett = lineare Forts. Selbstversuch am 13.11.98







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Texte in den Linkknoten

001 missing pages -> 027
027
I am in this noplace, waiting, for time that is not counted and does not pass. I depart, but always I return. The ancestors are not too distant. I have frequent intercourse with them, but this is on a level which I could not make clear to you. Many things are difficult for me in this situation. You should not, according to a strict construction of the rules, be reading this.
Albert is here with me, and Runeberg and the others. We are elaborating a system of tunnels, tirelessly and with the joyful vigor of saints. What we mean by this I could say, but I prefer to hold my peace. You have not, I take it, read my story.
Or else you would not be asking these foolish questions...
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insignificant


Yu Tsun (1)

light

missing


- Yu Tsun als 1.; erwarte, daß etwas ausführlicher die Person vorgestellt wird, z.B. mit historischem Hintergrund
- missing: könnte eine fiktive Findegeschichte kommen, eine FN des Autors;
- insignificant: FN zu den Wetterverhältnissen;


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Meine Notizen nach dem Lesen




(-) zu weit weg, zu früh

- wer ist "I"? Wer ist Albert? Wer ist Runeberg?
You have not read ... foolish questions – ich habe aber nichts gefragt; und daß ich die Geschichte nicht gelesen habe, hängt damit zusammen, daß ich hier schon dieses unsinnige Angebot kriege; albern!
meine Unterstreichungen links aufgenommen.
001 Yu Tsun -> 005
005
A bird streaked across the gray sky and blindly I translated it into an airplane and that airplane into many (against the French sky) annihilating the artillery station with vertical bombs. If only my mouth, before a bullet shattered it, could cry out that secret name so it could be heard in Germany. . . My human voice was very weak. How might I make it carry to the ear of the Chief? To the ear of that sick and hateful man who knew nothing anymore of Runeberg and me save our report in his arid office in Berlin, where he sat endlessly examining newspapers. . . I said out loud: I must flee. I sat up noiselessly, in a useless perfection of silence, as if Madden were already lying in wait for me.
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006: Der Link als Brücke und der Assoziationsfluß darunter

Auf diese gezeigte Art habe ich die ersten 10 Textziffern gelesen, Hypothesen zum Link-Angebot gebildet und die Reaktionen nach der jeweiligen Lektüre festgehalten. Dieser Sekundärtext kann ausgewertet werden, z.B. hinsichtlich der Erwartungsdynamik, die sich zwischen "Ab-sprung" und "Ankunft" abspielt, oder hinsichtlich der Wertungen und ihrer Begründungen. 15]
Zunächst aber ein kurzer Blick auf das Mengengerüst in diesen 10 Textkarten und 36 Link-Angeboten. In diesen (Stichwort: Wiederlesen) befinden sich zahlreiche Doppelungen von Textkarten, was dann für den Leser / die Leserin bedeutet, einen schon bekannten Text erneut lesen zu müssen. Bei den Wertungsbegründungen werden wir sehen, wie sich dies (bei meiner Lektüre!) auswirkte.
Jedes Link-Angebot habe ich hinsichtlich der Erwartungsdynamik danach rubriziert, ob meine Erwartung "voll aufgegangen ist", "teilweise aufgegangen ist" oder "gar nicht" und ob "keine Erwartung gebildet" wurde. Das Ergebnis zeigt nebenstehende Tabelle 1. Zu meiner eigenen Überraschung ergibt sich, daß nicht Enttäuschung die Szene bestimmte; die Kategorien sind in etwa gleich häufig belegt; in einem Viertel sind die Erwartungen ganz, in einem weiteren teilweise aufgegangen; in einem Viertel gar nicht, im letzten Viertel wurden gar keine gebildet.
Nach einer erneuten Lektüre meiner Notizen habe ich das Lektüreergebnis gewertet, soweit es ging. Das Ergebnis zeigt Tabelle 2. Dabei sind "Wertung" und "Erwartungsfolge" unabhängige Aspekte; die Tatsache, daß eine Erwartung nicht aufgeht, muß nicht bedeuten, daß ich die gemachte Lektüre negativ bewertete, denn schließlich kann es dem Autor bzw. der Autorin ja gelingen, mich positiv zu überraschen. Es überwiegen in diesem Ausschnitt zu "Forking Paths" zwar die negativen Wertungen, aber durchgängig negativ ist das Ergebnis nicht.
Natürlich liegt jetzt die Frage nahe, durch welche Momente denn die positiven resp. die negativen Wertungen zustandekommen, dies eine weitere Dimension einer solchen Inhaltsanalyse. Das Ergebnis für die positiven Wertungen zeigt Tabelle 3.
(-) siehe unten
I = Yu?
- Könnte vermuten, daß 005 die 5. Karte ist; warum verweist er mich nach vorne?
- Nimmt die spannungsvolle Beziehung zw. Yu und dem Chief vorweg und vernichtet damit die Pointe; das Stück kommt ohne Situationseinführung und ohne Spannungseinordnung.



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15] Die Idee, einen "link" mit einer Brücke zu vergleichen und in dieser mehr zu sehen als nur die technische Verbindung zwischen zwei Ufern, stammt von Deena Larsen, die beharrlich für eine Link-Ästhetik plädiert; vgl. hierzu auch auf der o.g. ACM-Tagung: Susana Pajares Tosca: The lyrical quality of links. Tagungsband S. 217-218.

Tabelle 1:
Analyse der Erwartungsdynamik
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* Erwartung voll aufgegangen 10
* Erw. teilweise aufgegangen 9
* Erw. nicht aufgegangen 9
* keine Erwartung gebildet 8
Summe 36
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Tabelle 2:
Analyse der Wertungen
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* positive Wertung 15
* negative Wertung 18
* offene, ambivalente W. 3
Summe 36
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Tabelle 3: Gründe für positive Wertungen (n=15)
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Merkmale des Angebotes:
* Motive des Gegenspielers
* Aufdeckung der Motive Yu Tsuns
* individuelles Schicksal u. Familienschicksal
* Erweiterung des Erzählten

* Dramatisierung
* radikaler, aber nachvollzieher Bruch in Erzähl.
* Spiel mit Symbolen und Namen
* witzige Ironisierung
* überraschender, Para-/Meta-Text
* akzeptable Leseransprache
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Geht man diese Liste durch, dann zeigen sich ganz unterschiedliche Momente, die einer positiven Wertung zugrundeliegen, und die a) auf der Erzählebene, b) der Geschichtenebene oder c) "außerhalb" des Textes liegen können: Zur ersten Gruppe a) kann zählen, was oben "Erweiterung des Erzählten" genannt wurde, Aufdecken von Motiven, Ausschmückung der Szene; 16] b) selbst Brüche auf der Geschichtenebene müssen nicht negativ beim Leser ankommen; und c) die para- und meta-sprachlichen Zusätze verlangen sind nicht per se gut, sie dürfen nicht zu plump sein (s.u.).
Die Gründe für negative Wertungen brauchen erst gar nicht in tabellarischer Form zusammengefaßt werden; die meisten von diesen n=18 gehen auf "Wiederholung" zurück (12x), zweimal auf "Angebot ist zu weit weg" und einmal eine von mir so empfundene "zu plumpe Leseransprache". Da es sich bei "Forking Paths" um einen experimentellen Hypertext handelt, braucht man um die literarische Qualität nicht allzu besorgt sein. Aber ein deutlicher Fingerzeig ist das o.g. Ergebnis schon: Auf Wiederholung reagieren Leser empfindlich. Die von mir realisierte (und analysierte) Lektüre von "Forking Paths" kann selbstvertändlich nicht beanspruchen, ein Ergebnis zu liefern, das für andere Leser und Leserinnen gleichermaßen stehen könnte. Andere empfinden und werten anders, ja vielleicht sogar: lesen anders. 17] Aber so ganz anders?


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Beispiele:
002 Captain Madden vs. Yu Tsun
005 Chief
003 premonitions; 003 father
010 murdered; 010 centr. point
008 atrocious; 009 coin
006 Madden
003 death
002 names
006 notebook
009 lads
001 insignificant; 006 wrong
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16] Johanna Bucur würde in ihrer Kategorisierung diese "Erweiterung des Erzählten" wohl unter den "plotrelevanten Links mit optionalem Charakter" führen; vgl.: "The HyLink Framework. A Study of Link Performance in Hypertext Fiction". Positionspapier in der "Doctoral Consortium" im Vorfeld der ACM HT'99; s.o.; die Statements sind online bei Peter Nürnberg, dem Moderator, abrufbar:
http://www.daimi.au.dk/~pnuern/ht99dc/papers.html. Eine eigene Publikation ist in Arbeit.

17] So eines der Ergebnisse des Leseversuches auf der MMK '98, wo sich u.a. zwei unterschiedliche Lesehaltungen zeigten, jenes auch in Zeiten des Hypertextes immer noch vorkommende "romantische Lesen", das auf die Geschichte aus ist und nicht ständig vom Autor einen Nasenstüber verpaßt kriegen will, und jenes distanzierte, schon gebrochene "reflexive Lesen", dem die Kenntnisnahme von Geschichtentext und Metatext immer schon ein Spiel ist.


007 Das Neue lesen oder das neue Lesen?

Die Hypertexttheorie hält für den Leser und die Leserin viele Rollen, Erwartungen und auch Zumutungen parat, bei denen häufig offen ist, ob sie theoretisch stringent und empirisch (als Leseerfahrung) einlösbar sind. Geht es nur um ein Lesen des Neuen, um das Entdecken einzelner neuartiger Merkmale in einer sonst aber immer noch dem herkömmlichen Lesen vergleichbaren Art (wie Kritiker meinen) oder ist schon ein "neues Lesen" am Auftauchen (wie Theoretiker es wollen)?
Moulthrop selbst hat "Forking Paths" als ein Lese-Schreib-Experiment (zusammen mit Nancy Kaplan) durchgeführt, und dies mehrfach kommentiert, insbesondere die Reaktion eines Studenten (Karl Crary), der auf seine Art eine besonders interessante Variante von einem "strong reading" lieferte, 18] dies ist eine aufmerksame und bewußte, aber nicht der Leseeinladung des Autors folgende Leseweise. Stuart Moulthrop und Nancy Kaplan ging es in ihrer für Erstsemester als Einführung in die Literatur gedachten Veranstaltung auch um ein pädagogisches Experiment. Nach Zweidrittel eines herkömmlichen Lektüreseminars kam die o.g. Borgessche Erzählung an die Reihe, und danach wurden drei Beispiele von Hyperfiction eingeführt: "Afternoon", "Uncle Buddy's Phantome Funhouse" und eben "Forking Paths" von Moulthrop, von ihm als "pastiche" bezeichnet und gedacht als ein Unterlaufen traditioneller Vorstellungen von Autorschaft und Literatur. 19] Es galt in diesem Experiment die Einladung, solche Formen von "strong reading" umzusetzen durch ein Fort-, Um- und Weiterschreiben an den gelieferten elektronischen Texten. Dies taten viele denn auch, aber einer unterlief diese Absicht und stellte in "Forking Paths" die ursprüngliche Erzählung von Borges wieder her, inkl. einer sauberen Kategorisierung der Texteinheiten danach, ob sie 1. von Borges stammen, 2. zwar nicht von ihm sind, aber wie Borges-Text klingen; 3. dann solche, die nicht von Borges sind, aber sich noch auf die Geschichte beziehen und 4. schließlich "complete digressions", die dann auch sämtliche Bemerkungen und Texte des Studenten selbst enthalten.












18] Moulthrop, Stuart; Kaplan, Nancy: The Became What They Beheld: The Futility of Resistance in the Space of Electronic Writing. In: Selfe, Cynthia L.; Hilligoss, Susan (eds.): Literacy and Computers. The Complications of Teaching and Learning with Technology. New York: The Modern Language Association of America 1994, S. 220-237. Ein weiterer Kommentar in: Stuart Moulthrop: Rhizome and Resistance: Hypertext and the Dreams of a New Culture. In: Landow, George P. (ed.): Hyper / Text / Theory. Baltimore & London: The Johns Hopkins University Press 1994, S. 299-319.

19] "Formally, its links connect its nodes in loops and spirals, defying identification of discrete narrative pathways." (S. 233 in der o.g. ersten Arbeit). Aber so durchgängig persiflierend sind die Moulthropschen Zusätze gar nicht.




So interessant aber diese Reaktion war, sagt Moulthrop, so unausweichlich mußte dieser Versuch der Wiederherstellung einer definitiven, autoritativen Ordnung scheitern, denn spätestens nach Moulthrops Einführung von weiteren Figuren in die Geschichte, von weiteren Erzählsträngen und Geschichtenausgängen ist Karl Crarys Ordnungsversuch nur eine weitere Variante, für einen Leser nur als eine im Hypertext abgelegte weitere Lesart erkennbar, noch ein "lector in fabula", mehr nicht. "Crary's challenge never stood a chance. In this medium, there is no way to resist multplicity by imposing a univocal and definitive discourse. Hypertext frustrates this resistance because, paradoxically, if offers no resistance to the intrusion. The medium omnivorously assimilates any structure raised within it." (S. 235).
Der Student hatte sein "resistant reading" im Hypertext selbst abgelegt und setzte sich damit den alles durchdringenden Effekten dieser Struktur aus. Eine weitere Variante von "strong reading" habe ich mir in Form des o.g. Papierpuzzles geschaffen, indem ich die "narrative pathways" wieder herstellte, außerhalb des Hypertextes. Es sind also noch weitere Experimente nötig, in Romainmôtier und anderswo.