Rolf Todesco, Zürich

Hyperkommunikation

Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller


Technologien

Ich sehe jede Technologie als Erklärung für das, was zuvor jenseits dieser Technologie gemacht wurde. Ein Webstuhl zeigt mir, was Handweber mach(t)en, ein automatischer Webstuhl zeigt, was Weber am mechanischen Webstuhl noch arbeite(te)n. Die Schreibmaschine "erklärt" mir den Bleistift, die Textverarbeitung "erklärt" die Schreibmaschine. Interessant sind die Funktionen eines neuen Werkzeuges für mich, nicht weil sie irgend etwas erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen, sondern weil sie mir zeigen, was ich zuvor implizit getan habe oder gerne getan hätte. Neue Technologien geben mir Auskunft über mich.

Natürlich mache ich unter diesem Gesichtspunkt mit den Produkten von neuen Technologien etwas Neues. Und in dem Sinne wie die neue Technologie jeweils entwickelter oder expliziter ist, mache ich auch etwas Entwickelteres, wenn ich Produkte der neuen Technologien entsprechend neu einsetze.

Vielleicht kennen Sie den Instinkt des althergebrachten Schriftstellers, der sich weigert, seine Literatur mit einem Textbearbeitungssystem zu schreiben. Wahre Literatur fliesst aus der Feder. Weshalb oder inwiefern ich diese Ansicht - auch als Schriftsteller, der mit der Feder gar nicht mehr schreiben kann - teile, will ich hier auch erläutern.

Hypertext: Neue Schläuche für alten Wein - neuer Wein für neue Schläuche

Neue Werkzeuge werden zuerst für alte Zwecke eingesetzt. Werkzeuge werden meistens unter diesem Gesichtspunkt entwickelt und oft auch entsprechend gestaltet. Selten weiss der Erfinder, was er erfunden hat. Das Telefon war als Rundfunk gedacht. Der Computer - nomen est omen - sollte beim Rechnen helfen. Das Internet wurde als Faxsystem konzipiert, das WWW als Datenbank.

Meistens erfüllen die neuen Werkzeuge die alten Zwecke gut, viele Erfindungen könnten sonst gar nicht überleben.

Auch die Erfinder von Hypertext hatten ganz praktische Anliegen. Der CIA-Agent Bush wollte damit seine Mikrofiche wiederfinden. Nelson - der den Begriff prägte - wollte Ordnung in der Archivierung von Literatur schaffen. An das Internet konnten beide nicht denken, weil diese Technologie noch nicht vorhanden war. Hypertexte wurden als Datenbankoberfläche (Helpsystems) erfunden, und als solche bewähren sich auch die grosse Mehrzahl aller existierenden Hypertexte heute noch.

Neue Zwecke für die neuen Werkzeuge müssen sich erst entwickeln. Beim Telefon waren es nachgewiesenermassen die Hausfrauen der Manager, die das Chatten entdeckten und zeigten, was das Telefon eigentlich ist - den die Erfinder wollten damit zuhause Symphoniekonzerte hören. Und dass ich heute alles mittels eines Computers schreibe, den ich nur ganz selten zum Rechnen benutze, hat sehr viel damit zu tun, dass viele Programmier merkten, dass man auf den Programmeditoren auch Liebesbriefe schreiben kann. Als sogenannte Textverarbeitungssysteme wurden diese Editoren erst verkauft, nachdem sie bereits tausendfach als solche benutzt wurden.

Literatur gibt es schon ziemlich lange - wie alten Wein. Und natürlich kann man Literatur auch auf dem Computer erzeugen - wenn man kann. Und natürlich kann man dazu auch Hypertext verwenden: man kann mit neuen Werkzeugen tun, was man immer schon getan hat. Wenn ich die Ergebnisse anschaue, werde ich das Gefühl nicht los, dass dabei oft mit HitechKanonen auf Spatzen geschossen wird, die sich mit der Füllfeder leicht erlegen liessen.

Mich interessiert hier nicht, inwiefern Hyperfiction mit Genuss lesbar ist, Goethe und Schiller sind auch nicht für alle Leser ein Genuss. Mich interessiert die "Fiction", dass Hypertext ein Mittel für Literatur sei, was mich stark an die Vorstellung erinnert, man könne am Telefon Konzerte hören. Ich vermute, die Fiktion beruht darauf, dass man sich in der Zeit vor der Hyperkommunikation, in der Literatur noch dominierende Kunstform war, unter Künstlern für Text keine andere Verwendung als Literatur vorstellen konnte.

Hyperkommunikation

Hypertexte sind - wenn sie nicht als Datenbankoberflächen fungieren - Textgrundlagen, die im Wissen konstruiert werden, dass der Hyper-Leser selbst entscheidet, was er wann und in welcher Reihenfolge liest, also Grundlagen für Hypertext-Texte, bei welchen die Unterscheidung zwischen Autor und Leser aufgehoben ist, weil der jeweils gelesene Text, also der materielle Hypertext-Text erst im Hyper-Lesen selbst entsteht.

Hypertexter haben zwei Produktions-Modi: sie sind Hyper-Leser, wenn sie Hypertextelemente benützen, also (Hypertext)-Texte zusammenfügen, und Hyper-Schreiber, wenn sie die Textelemente produzieren. Als Hyperleser ist der Hypertexter Produzent des Textes, den er liest, er ist also so etwas wie Leserautor oder Schrift-Um-Steller, da er während des Lesens durch die Wahl der je nächsten Hypertextteile seinen eigenen, dissipativen Text generiert. Es geht hierbei nicht darum, dass der Hyperleser eine je eigene Interpretation des Textes macht, sondern darum, dass er den physisch-materiellen Text, den er liest, aus den Textteilen des Hypervokabulars selbst zusammenstellt. Jede durch einen Hypertexter im Lesermodus produzierte Sequenz von Textteilen ist natürlich - wie jeder Text - wieder eine grammatikgenerierte sequentielle Menge von Zeichen(ketten).

Und was immer Text alles auch noch sein mag, Text ist ein Artefakt, also etwa eine pixelmässig geordnete Graphit-Konstruktion.

Da der Hyperleser bestimmt, was er liest, kann Hypertext mit Mitteilen und Verstehen des Mitgeteilten nicht adäquat modelliert werden. Hypertext "erzeugt" einen eigenständigen Handlungszusammenhang, den ich Hyper-Kommunikation nenne.

Hyper-Kommunikation heisst die Kollaboration an einem Hypertext, in welcher jeder der Beteiligten am gemeinsamen Text die Veränderungen vornimmt, die das Text-Artefakt für ihn selbst stimmig machen - so wie ein bildender Künstler mit der Entwicklung seines Gegenstandes verfährt, man denke etwa an einen Bildhauer, der einen Grpahitbrocken bearbeitet. Jede Veränderung des Textes kann auf den Veränderer zurückwirken. Mit ihren Veränderungen am gemeinsamen Text perturbieren sich die Hyper-Kommunizierenden gegenseitig, bis ein relativer Gleichstand erreicht ist und die Kommunikation abstirbt - weil das Kunstwerk ent-(ausge)-wickelt ist.

Der Hypertext einer Hyperkommunikation ist das Produkt einer kollektiven Autorenschaft. In der Hyperkommunikation hat der Text keine Mitteilungs-Funktion, die Kommunikation liegt in seiner kollaborativen Produktion, nicht in einer nachgelagerten Rezeption. Der kollektive Hyper-Autor ist künstlerisch autonom, er produziert für sich, nicht für eine (Einschaltquoten)-Leserschaft. Darauf werde ich später zurückkommen. Zunächst will ich etwas zur Kommunikation sagen.

Kollaboration am Hypertext ist kommunikativ im Sinne von gemeinschaftlich, weil ein gemeinsames Produkt ohne Arbeitsteilung hergestellt wird: jeder tut alles und alle tun das gleiche. Der Hypertext ist Produkt eines kollektiven Autors, der sich durch die Hyperkommunikation konstituiert.

Die Kollaboration am Hypertext ist kommunikativ im Sinne des sich angleichen wie es kommunizierende Gefässe "tun". Der kollektive Autor verhält sich wie ein einschwingenden Systems, das auf Perturbationen reagiert, die es durch seine Kompensationen selbst erzeugt. Kommunikation zwischen Menschen findet solange statt, wie sie gegenseitig auf ihre kommunikativen Verhaltensweisen reagieren. Die Hyperkommunikation bricht ab, wenn relativer Gleichstand erreicht ist, das heisst, wenn die Texte nichts mehr bewirken oder die Unterschiede der Konstruktionen keine Unterschiede mehr machen.

Wenn der Kommunikationsprozess mit Sender-Empfänger-Modellen modelliert wird, also unter dem Gesichtspunkt, dass ein Sender einem Empfänger eine Nachricht oder eine Mitteilung schickt, erzeugt Hypertext eine Art Paradoxie: Der Hyperautor produziert zwar Texte, nämlich Hypertext-Textbausteine, er macht aber mit seinen Texten keine Mitteilungen, sondern ein Hypervokabular für Hyperleser. Der Hyperleser produziert zwar (Hypertext)-Texte, aber er macht natürlich auch keine Mitteilungen - es sei denn eine Mitteilung an sich selbst -, denn er liest ja seinen eigenen Text.

In der Hyperkommunikation werden keine Mitteilung übermittelt. Die Hyperkommunikation setzt deshalb auch keine gemeinsamen Sinnwelten voraus, die Idee des sich gegenseitigen Verstehens ist in der Hyperkommunikation aufgehoben. Hyperkommunikation "erzeugt" einen eigenständigen Handlungszusammenhang, in welchem die Beteiligten den Konstruktions-Prozess begreifen und mithin etwas von sich selbst "verstehen". In diesem Sinne ist die Hyperkommunikation radikal konstruktivistische Praxis, in welcher man nicht wissen kann oder wissen muss, was andere wie wissen.

Hyperkommunikation ist keine Massenmedien-Veranstaltung. Da wird keine Offenbarung ausgestrahlt oder verschickt, sondern materieller Text zur Verfügung gestellt. Die Kollaboration ist ein Prozess, in welchem die Beteiligten gemeinsam erforschen, welche Texte in ihrer gemeinsamen Praxis für alle Beteiligten viabel sind. Zwar ist unerheblich, was bestimmte Texte für andere bedeuten, erheblich ist aber natürlich für jeden der Beteiligten, welche seiner Formulierungen auf "Zustimmung" stossen und welche nicht.

Kunst

Nach Luhmann ist Kunst und mithin auch Literatur ein funktionales System, dessen autopoietische Entwicklungslogik durch Abbildungen wie prähistorische Höhlenzeichnung und religiöse Ikonen in Gang gesetzt wurde. Diese Abbildungen waren Abbildungen von etwas, das Kunsthandwerk bestand in der möglichst adäquaten Abbildung, was bestimmte Verfremdungen stets miteinbezogen hat. Texte machen auf diesem Niveau Aussagen über etwas. Zur Kunst wurde die Kunst, indem sie von Abbildungsreferenten autonom wurde und sich selbst genügte. In der Malerei ist dieser Uebergang vordergründig im sogenannt abstrakten Bild zu sehen - wenn es dort überhaupt etwas zu sehen gibt. Nicht selten erinnert mich Hyperfiction an abstrakte Bilder, aber auch die Klagenfurter Lesungen sind Ausdruck dieser zunehmenden Art von Autonomie, in welcher es vielleicht darum geht, das Werk so unspezifisch zu halten, dass jede Interpretation möglich ist, während die Deklaration Kunst die Interpretation gleichwohl erheischt.

Wo diese literarische Qualität von den Autoren durch bewusste Unterbestimmtheit im zu deutenden Text erzeugt wird, drängt sich Hypertext förmlich auf. Nichts ist leichter, als einen Hypertext zu schreiben, den gar niemand auch nur halbwegs interpretieren kann, obwohl er aus scheinbar literarischen Sätzen besteht.

Wenn man S.J.Schmidt folgt, beschäftigt sich die Literaturwissenschaft mit Interpretationen, was zunehmend unmöglicher wird. Interpretationen unterstellen nämlich einen gegebenen Sinn, dem man sich annähern kann. Wäre dieser Sinn in der Literatur vorhanden, wäre die Literatur nicht autonom, weil sie diesen Sinn mitteilen müsste: ein echtes Dilemma. Nach S.J.Schmidt kommt man da nur raus, wenn man die Interpretation aufgibt. Eine subtile Nuance: Die Literaturwissenschaft müsse auf Interpretationen verzichten, nicht aber jeder individuelle Leser. Ich lese das so: Interpretieren ist schon erlaubt, aber es ist nicht wissenschaftlich und wird der Kunst nicht gerecht.

Hyperfiction, also der Versuch mit Hypertext Literatur zu erzeugen, bringt effizient an den Tag, was jeder implizit schon wusste: Literatur beruht auf der Bestimmung des Autors, was der Leser wann zu lesen hat. Je trivialer die Literatur, umso stärker - worunter einige Hyperfiction ganz besonders leiden: je trivialer sie sind, umso weniger funktionieren sie. Man schaue sich die verzweigten Fortsetzungsgeschichten an, an welchen jedermann mitmachen kann.

Hyperfiction macht bewusst, dass Literatur auf interpretierbaren Sinn angewiesen ist. Literatur ist bürgerlich wie die romatische Liebe, deren Unmöglichkeit sie duchgehend behandelt. Wenn wir nichts mehr von der unmöglichen Liebe lesen können, brauchen wir keine Literatur mehr. Und um die Ummöglichkeit der Liebe zu beschreiben, genügt eine Füllfeder, wie Shakespeare sie hatte, allemal.

Hyperkommunikation als Kunst

Die neue Technologie macht explizit, was implizit schon da war. Sie wurde ja auch aus Implikationen der vorangegengenen Technologien entwickelt. Ich werde also keine neuen Auffassungen (er)finden, sondern alte Auffassungen im Licht der neuen Technologie sehen. Hypertext interessiert mich, weil Hypertext Text erläutert und das Handwerk, das ich auf Hypertext verwende, lässt mich das Handwerk als Kunst neu begreifen.

Texte sind Kunstwerke, wenn sie keine Mitteilungs-Funktion haben. Das Kunstwerk ist autonom, nicht wo es dem Rezipienten nichts mehr über nichts mehr sagt, sondern wo es nicht mehr rezeptionsorientiert ist. Luhmann hat spezifisch recht.

Natürlich entfällt die Rezeptionstheorie, die gar nicht anders kann, als sich mit Interpretationen zu beschäftigen. S.J.Schmidt hat spezifisch recht.

Hypertext macht mir vollends bewusst, dass Kunst kein Medium der Mitteilung, sondern ein Medium des Ausdruckes ist. Der kollektive Hyper-Autor ist künstlerisch autonom, er produziert für sich, nicht für eine (Einschaltquoten)-Leserschaft.

Das Unentwickelte der Kunsthandwerker war nie, wie Luhmann geltend macht, das sie etwas abbilden, das Unentwickelte besteht darin, dass man etwas für andere tut, ob es nun Mäzene oder Einschaltquoten sind. Etwas als Abbild von etwas zu sehen, war und ist eine Interpretation der Rezipienten, der Künstler interessierte sich immer schon für sein Werk und nie für ein davor stehendes Original.

Die Kunst mit Hypertext umzugehen, ist die Kunst der Kommunikation. Diese Kunst breucht keine Rezipienten, sondern Produzenten.

Hyperfiction und Literatur

Hyperfiction - gerade die unlesbare - zeigt, unter welchen Bedingungen Literatur gelesen werden kann: Man muss sich vom "ferderführenden" Autor an die Gängel nehmen lassen und in kauf nehmen, dass man immer nur interpretiert, was in diesem Kontext heisst, falsch interpretiert.

Wo Literatur für Leser geschrieben wird - und so verwenden wir ja das Wort Literatur, ohne Bezug auf Litanei - dort genügen unentwickelte Technologien. Und wer wahre Literatur erzeugt, der hüte sich vor Hypertext.


Alles, was ich tue, tue ich,
um besser zu verstehen, was ich tue.

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